Lesezentrum Steiermark

Lesezentrum Steiermark – Kerstin Kugler; Mag. Ursula Lackner

Etumu Schosters wunderschöne Laudatio zur Verleihung des Sonderpreis für Kinder- und Jugendliteratur des Land Steiermark für das Kinderbuchmanuskript Felix und Marvin suchen nach Regen. Mein Dank geht ganz besonders an Etumu Schoster für ihre berührenden Worte und Christa Zobernig für den reibungslosen Ablauf der Herbsttagung 2018 in Graz. Schön war’s!  Hier der Link zu den Fotos.

Lesezentrum Steiermark – Etumu Schoster

“Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Ehrengäste, sehr geehrte Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, und vor allem sehr geehrte Preisträgerin.

Diesen Sommer, bin ich auf eine Rede der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie gestoßen, in der sie über die Gefahr der einzigen Geschichte redet. „So kreiert man also eine einzige Geschichte“, meint sie darin, „man zeigt eine Seite einer Gruppe, und nur diese eine Seite, immer und immer wieder, und dann wird diese Seite zur Identität. Die einzige Geschichte formt Klischees. Und das Problem mit Klischees ist nicht, dass sie unwahr sind, sondern dass sie unvollständig sind.“ Der diesjährige Sonderpreis stellt sich gegen diese einzige Geschichte. Er lädt Autorinnen und Autoren ein, vielfältige Geschichten erzählen und neue Rollenbilder für Jungen zu schaffen. Er lädt sie ein, neue-alte Geschichten zu erzählen, damit sie sich in den Büchern wiederfinden, die sie lesen. „Buben lesen Anderes und anders“ ist ein Beitrag dazu, das Lesen zu fördern um Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, die Zukunft in neuer Weise mitzugestalten.  Es ist eine Einladung zur Entdeckung fremder Welten, neuer Sichtweisen und Abenteuern, wie jenes, das die Hauptperson Felix im diesjährigen Preisträgerbuch erlebt.

Er sieht sich um. Das Wasser reicht ihnen schon bis zu den Knöcheln. Wie schnell es steigt! Sein Herz pocht, in seinen Ohren dröhnt es. Am liebsten würde er zu weinen beginnen. (…) Da fällt sein Blick auf eine schale ockerfarbene Gestalt. „Socke!“ Marvin folgt Felix‘ Blick. „Ein Dingo?“ (…) „Und du hast ihn Socke genannt?“ Er schüttelt den Kopf. „Du musst verrückt geworden sein! Hast du eine Ahnung, was dein Vater mit dir macht, wenn er herausfindet, dass du dich mit einem Dingo befreundet hast?!“ Felix weicht Marvins Blick aus. Soll ihn sein Freund doch für verrückt halten. Mit Socke verbindet ihn etwas, das wichtiger ist als Regeln und Verbote. Socke ist sein Freund. Und seine Freunde verrät man nicht.

Die beiden Freunde Felix und Marvin leben im australischen Outback und stehen vor einem großen Problem. Seit Wochen hat es schon nicht geregnet und es gibt bald nicht mehr genug Wasser um die Farm von Felix Eltern in Betrieb zu halten. Und dann gibt es auch noch Socke, einem Dingo, der Felix das Leben gerettet hat. Seitdem verbringt Felix immer wieder Zeit mit dem Tier – aber wehe seine Eltern wüssten das. Die sind nämlich felsenfest davon überzeugt, dass Dingos wild und gefährlich sind. Und als es dann endlich doch regnet, sind Felix und Marvin in einer Höhle gefangen und müssen wieder ihren Weg hinausfinden. Ob Socke dabei helfen kann? Und ob Felix es schafft, seinen Vater doch stolz zu machen? Mehr möchte ich an dieser Stelle aber nicht verraten, zu schade wäre es, wenn ich Ihnen die Spannung und Spaß am Lesen nehmen würde.

„Felix und Marvin suchen nach Regen“ ist eine Geschichte, die Kindern das Gefühl gibt, verstanden zu werden. Sprachlich gekonnt und stilsicher erzählt Kerstin Kugler von Freundschaft, Mut, aber auch von der Unsicherheit, die Felix im Laufe der Geschichte überkommt. Sie schafft es, eine Hauptperson zu beschreiben, die in ihrer Vielschichtigkeit brilliert und gängigen Stereotypen widerspricht. Dabei öffnet sie eine neue Welt, in der Jungen nicht nur mutig und entdeckungslustig sind, sondern auch unsicher und emotional. Es ist ein Buch, das einen Kontrast zur „einzigen Geschichte“ bildet, indem Buben sich in den verschiedensten Aspekten ihres Lebens wiederfinden können. Und so dürfen wir den Preis auch dieses Jahr an eine Autorin vergeben, die durch ihre außergewöhnliche Leistung im Gebiet der Kinder- und Jugendliteratur diesem Genre literarische Gleichberechtigung durch Qualität und Bedeutung verschafft. Einer Autorin, die uns schon heute eine Zukunft zeigt, in der wir uns von unserem Schubladendenken verabschieden.

Dabei ist das Manuskript voll von bunten Charakteren – Felix‘ Großvater Pops, der Abends auf der Veranda Geschichten erzählt, während er sich seine Pfeife stopft, seine Eltern und sein älterer Bruder Luke, der alles immer so viel besser zu schaffen scheint, als er. Und dann gibt es natürlich auch Marvins Familie, die so ganz anders ist als Felix’s  – Marvins Großeltern, die beiden Künstler zum Beispiel. Während der Geschichte lernt man die Familie von vielen Seiten kennen – die fröhlichen, leichten Abende auf der Terrasse, aber auch die Schwierigkeiten, die sie gemeinsam überwinden müssen. Kerstin Kugler schafft es die verschiedenen Fassaden und Aspekte von Familie und Freundschaft abseits romantisierter Beschreibungen zeigen.

„Sie werden aus Sydney und Melbourne kommen, um meine Fotografien zu kaufen“, verkündet er manchmal, wenn sich die Bierdosen neben ihm türmen. Dann ändert er seine Meinung. „Mich mit ihren Flugzeugen nach Sydney und Melbourne einfliegen lassen werden sie! Jawohl!“ Marvins Großmutter, Rosalie, ist nicht so felsenfest davon überzeugt. Sie findet, dass Onkel Patrick für einen Künstler zu viel trinkt und zu wenig arbeitet. „Außerdem haben deine Fotos nicht mal Farbe! Wer will sich schon eine grauschwarze Welt ansehen!“

Inmitten der grauschwarzen Welt, in der wir uns manchmal befinden, bildet Literatur Brücken. Bücher erlauben uns die Welt mit anderen Augen zu sehen. Lesen bildet Empathie. Und so hat „Felix und Marvin suchen nach Regen“ weit mehr als nur eine Zielgruppe. Abseits eines Buches für Buben, finden sich in und zwischen den Zeilen universelle Wahrheiten, die uns allen Perspektiven geben können. Während des Lesens kann man durch den lebendigen Erzählstil der Autorin ganz in die fremde Welt des australischen Outbacks eintauchen und diese entdecken. Kerstin Kugler ermöglicht uns eine andere Kultur, eine andere Lebensweise kennenzulernen und dabei nicht einmal die Koffer packen zu müssen. Obwohl wir die die Manuskripte anonym gelesen haben, war es deshalb sofort sichtbar, dass die Autorin einen persönlichen Bezug zu Australien hat – sie schafft es die Weiten des Outbacks abseits von Klischees zu beschreiben.

Es ist mir deshalb eine große Freude, Ihnen die diesjährige Preisträgerin vorzustellen, die ich vor einigen Wochen in einem Skypegespräch persönlich kennenlernen durfte. Kerstin Kugler wurde 1975 geboren, wuchs in Spittal/Drau in Kärnten auf und studierte Germanistik und Anglistik in Wien. Aufgrund ihrer „unheilbarer Wanderlust“, wie sie es selbst beschreibt zog sie kurz darauf zuerst nach Neuseeland und dann nach Australien, wo sie heute an der Westküste in Perth zu finden ist. In ihren Kinderbüchern erzählt sie gerne ungewöhnliche Geschichten – zum Beispiel in ihren 2014 und 2015 veröffentlichten Büchern „Die geteilte Sonne“ und „Klettermax“. Das Manuskript über Felix und Marvin, hat sie zuerst für ihren Sohn geschrieben, um ihm Freundschaft, Mut und Verletzlichkeit durch die Charaktere des Buches näher zu bringen.

Denn die Vorbilder die wir in Bücher finden bieten mehr als nur Inspiration, – Ihre Existenz ist eine Bestätigung der Möglichkeiten, an denen man sonst zweifelt. Und gerade deshalb gestalten die Geschichten, die wir Kinder und Jugendlichen heute erzählen unser Morgen. Die Antwort, warum dieser Preis alle zwei Jahre wieder vergeben wird, liegt in Manuskripten, wie „Felix und Marvin suchen nach Regen“, die Kindern auf Augenhöhe begegnen und Geschichten unserer Zeit erzählen. Denn gute Bücher belehren nicht, in dem sie nur eine Sichtweise zeigen, sie verändern und formen dadurch, dass sie uns einen Einblick in das geben, was wir vorher für unmöglich geglaubt hätten. In dem sie uns das Anderssein in Geschichten zeigen, stärken wir die Vielfalt und geben Mut. Und am Ende, geben Bücher vor allem Hoffnung. Hoffnung auf unerwartete Freundschaften, auf neue Sichtweisen und Ideen. Hoffnung, auf Veränderung.

Vielleicht, denkt Felix, als er sich an seinen Vater klammert und das hell erleuchtete Farmhaus in der Entfernung sieht, vielleicht wird sich sein Vater an Socke gewöhnen. Und will ihn dann nicht mehr vertreiben. Natürlich nur vielleicht. Er dreht den Kopf leicht zur Seite, sieht zu Socke, lächelt im zu. Ein ebenso großes Vielleicht wie Regen in der Wüste.

In diesem Sinne wünsche ich viel Spaß beim Lesen! Vielen Dank!”